Auf dem Abstellgleis?

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Auf dem Abstellgleis?

03.11.2022
Daniel Milkus, Mitglied der Aengevelt-Geschäftsleitung und Niederlassungsleiter Frankfurt.

Hier fließt weiterhin viel positive Energie: Der umfassende Umbau des Frankfurter Bahnhofs inkl. Vorplatz ist beschlossen und im Gange, der Nestlé Konzern lässt sich hier seine neue Hauptverwaltung errichten und an sonnigen Tagen macht es immer noch Spaß, die authentischen Landesküchen im Multi-Kulti-Viertel zu besuchen. Am Hauptbahnhof kommen jeden Tag deutlich mehr als 400.000 Personen an. Neben dem Flughafen stellt das Viertel mit seinen vielen ansehnlichen Gründerzeit-Altbauten damit das wichtigste Entrée der Stadt dar.

Aber die Schatten sind bekanntlich leider länger geworden. Die negativen Entwicklungen haben bereits vor Covid begonnen, u.a. durch die politisch gewollte und begünstigte Aufwertung des Viertels - mit Erfolg (New York Times: „Place to be“ etc.), in deren Folge jedoch das Rotlicht-Milieu inkl. Drogen, Prostitutions- und Beschaffungsszene zugunsten von hochwertigen Wohnungen verdrängt wurde und schon seit längerem - und vergeblich - seinen neuen Platz sucht. Die Lockdown-Phase während der Corona-Pandemie hat – wie in anderen Bereichen auch – einen Katalysator-Effekt gehabt, infolgedessen das Viertel (vielleicht mit Ausnahme der vergleichsweise immer noch weniger belasteten Münchner Straße) zwischenzeitlich einer apokalyptischen Zombie-Landschaft glich. Last but not least ist es bekannt, dass der Konsum der nur kurz aufputschenden Droge Crack, die das Heroin mit seiner längeren und sediere nderen Wirkung ersetzt hat, zu einer spürbar aggressiveren Grundstimmung und Verwahrlosung beiträgt. Der sogenannte „Frankfurter Weg“ funktioniert also leider schon lange nicht mehr!

Was ist die Lösung?

Anwohner, Geschäftsleute und Investoren haben schon vor längerer Zeit eine Interessensgemeinschaft gebildet (im aktuellen Kanzler-Jargon „Unterhaken“), die seitdem versucht, Stadt und Politik von einem energischeren Einschreiten, einer Mischung aus Härte, Prävention und Hilfe bzw. einem neuen Konzept für die Schwerstabhängigen zu überzeugen.
Im Ergebnis hat zwar die polizeiliche Präsenz zugenommen - aber mehr als öffentlichkeitswirksame Razzien und die regelmäßige Sicherstellung von Kleinstmengen weicher Drogen samt Kleindealern ist nicht geschehen. Stattdessen sind inzwischen erste Traditionsgeschäfte und hochwertige Gastronomien resignierend abgewandert.

Wirklich schade! Denn mittel- bis langfristig hat das „Viertel“ auch weiterhin und  erneut ein unglaubliches Potential für eine fortsetzende Aufwertung, mit  einmaliger Symbiose auf engstem Raum im Schmelztiegel von Kulturen und Gesellschaftsschichten, die in friedlicher Ko-Existenz zusammen leben und arbeiten können. Immer noch zieht es viele Menschenmagisch an, die das besondere Flair und die infrastrukturellen Vorteile zu schätzen wissen und dort deshalb immer noch gerne wohnen.

Es wird und sollte auch nie ein glattgebügelter, austauschbarer Stadtteil werden. Aber es muss sicherer und sauberer werden, und den Kranken muss geholfen werden.

Worauf warten Stadt und Politik eigentlich noch? - Vielleicht auf einen neuen Oberbürgermeister. Denn nicht vergessen: Am 6. November ist (Ab) Wahltermin…

Bleiben wir also zuversichtlich, denn Umbrüche im Bahnhofsviertel sind kein Malus, sondern sind Teil der DNA dieses besonderen Stadtteils.

Thomas Glodek

Leiter Öffentlichkeitsarbeit